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Damen: Moabiter FSV – 1.FFV Spandau 3 : 1

damen_26_08_12_001.jpgDie „Ode an die Freude“ und „alle meine Entchen“......

Der Konzertmeister schlug den Taktstock drei mal kräftig gegen das vor ihm stehende Pult mit den darauf platzierten Noten. Ein sich immer dann widerholendes Ritual, wenn er die Konzentration des Orchesters auf sich lenken will.

Die Schläge mit dem Taktstock waren diesmal besonders energisch, war das heutige Konzert doch der Auftakt einer ganzen Reihe folgender Konzerte, die dazu beitragen sollten den Einzug in größere Konzerthallen und interessierterem und fachkundigerem Publikum zu erwirken.
Der Dirigent verspurte eine gewisse Anspannung, keine Angst, eher die Art Anspannung die man benötigt besondere Leistungen zu vollbringen. Allerdings mischte sich eine kleine Prise Skepsis in seine Anspannung, standen doch zwei seiner Orchestermitglieder das erste mal in der ersten Besetzung, eine am Konzertflügel und eine an der Trompete. Beides Instrumente, die doppelt vorhanden waren und damit seine Hoffnung nährten, das möge nicht so sehr auffallen.

Kurz schweiften seine Gedanken ab. Die Besetzung war so nicht geplant, eher aus der Not geboren. Sinnvoller Weise sollten Nachwuchsmusiker langsam eingebaut werden und nicht sofort Verantwortung unter Druck übernehmen müssen. Reihenweise Ausfälle aus unterschiedlichsten Gründen zwangen zu diesen Maßnahmen. Zudem hatten noch nicht alle verstanden, das ein erfolgreiches Orchester auf eine gute Besetzung aller Instrumente angewiesen ist und zudem viel Übung benötigt.

„Aber wir haben gut geprobt“ sagte er sich „ und mit FREUDE SCHÖNER GÖTTERFUNKEN stand ein Stück auf dem Plan, das zwar anspruchsvoll aber gut zu bewältigen war“. So hob er den Taktstock und begann mit schwungvollen und energischen Taktschwüngen das Konzert.

Und tatsächlich, schon kurz nach der Ouvertüre ein gelungener Paukenschlag. Schnell war die erste schwierige Passage gut überstanden. Aber an die Stelle der erhofften Sicherheit und Virtuosität stellten sich eher Missklänge ein. Da wurde mancher Ton nicht getroffen oder der Einsatz verpasst. So hatte einer der beiden im hinteren Teil der Bühne zentral hinter den Konzertflügeln angeordneten Kontrabasse immer wieder unerklärliche Aussetzer.

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Auch die Konzertflügel wurden nicht in erwarteter Weise bespielt, wie auch die daneben angeordneten Geige und Bratsche sich nicht in adäquater Lautstärke bemerkbar machen konnten. Tauschten sie zum einen die Seiten (was noch vertretbar war) hatten sie immer wieder Schwierigkeiten im richtigen Moment einzusetzen. Zudem legt die erste Geige immer wieder den Geigenbogen beiseite und lauscht mit verträumtem Blick dem Spiel der anderen Musikanten. Wenn dann der eigene Einsatz kommt, folgt nach der hektischen Aufnahme des Geigenbogens oft ein verspäteter Einsatz oder nicht genau getroffener Ton. Das ist besonders Schade, da wohl kaum jemand die Geige so virtuos beherrscht wie eben unsere erste Geige.

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Pauke und Trommel sollen einen rhythmischen Hintergrund erzeugen und sind deshalb hinten in den Ecken angesiedelt. „Was ist denn mit der Pauke los?“ sinniert der Dirigent. Die Pauke spielt einen völlig anderen Rhythmus und spaziert mit dem Instrument immer wieder durch das Orchester..... Der Konzertmeister fordert den richtigen Rhythmus ein worauf die Pauke antwortet: „ich verstehe nicht FREUDE SCHÖNER GÖTTERFUNKEN also spiele ich ALLE MEINE ENTCHEN !!!“ Der darauf folgende Dialog lässt sich wie folgt abkürzen:

Dirigent:“ spiele doch einfach die ausgegebenen Noten!“

Pauke:“ nein, ich will ALLE MEINE ENTCHEN spielen !!!!“

Fassungslos konzentriert sich der Dirigent auf die erste Trompete. Eigentlich im Vordergrund der Bühne platziert spaziert sie zur ersten Geige um diese zu übertönen. Damit nicht genug, wandert sie zum Konzertflügel und stellt sich auf die Tastatur. Auf die Nachfrage nach den Ursachen dieses Verhaltens antwortet die Trompete:“ von denen ist doch nichts zu hören, also mache ich da Musik.....“.

 

Wie der Blitz schlägt die Erkenntnis beim Kapellmeister ein: „meine Musiker haben das Prinzip eines Orchesters überhaupt nicht verstanden !“ Jedes Instrument muss so virtuos wie möglich an der richtigen Stelle im richtigen Moment mit Leidenschaft gespielt werden. Jedes Instrument hat andere Noten und wird anders gespielt. Aber gemeinsam entsteht eine Melodie, ein Vortrag, ein Orchester, das anzuhören sich lohnt.

 

Bei Hausmusik ist das sicher einfacher und anders. Einer fängt an zu spielen, ein Weiterer steigt ein und es kommt je nach musikalischer Fähigkeit etwas ansehnliches heraus. Dazu genügen durchschnittliche individuelle Fähigkeiten um ein hörbares Ergebnis zu erzielen. Ein ganzes Orchester braucht aber eine ganz andere Abstimmung. Und einen Dirigenten, der alle Instrumente zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen kann. Dazu bedarf es der Einsicht und des Vertrauens ALLER Musiker.

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Genau das ist was fehlt. Frustriert, genervt und zweifelnd  verlässt der Dirigent den Konzertsaal. Er will nur noch weg und erst einmal Abstand gewinnen, darüber nachdenken, was da gerade passiert ist. Wie kann es passieren, dass trotz intensivem Übens eine die Ohren quälende Schallwand entsteht, weit von einem Vorführbaren entfernt. Das bei einigen nicht einmal der Wille zu erkennen ist, die zugeteilte Aufgabe zu übernehmen, wohlgemeinte Hinweise als persönliche Attacke gewertet werden.

 

Wie kann man ein Orchester dirigieren, in dem einige Musiker nicht bereit sind das gemeinsame Stück vorzuführen, eher ein Eigenes vortragen?

 

Traurig stellt der Konzertmeister fest, das sich zum ersten mal Zweifel einstellen die selbst gestellten Ziele zu erreichen. Ist es überhaupt möglich aus den vorhandenen Musikern ein Orchester zu formen? Ist er selber dazu in der Lage? Wollen die Musiker eigentlich als Orchester auftreten oder doch eher Hausmusik betreiben?

 

Ein solches „Konzert“ will er jedenfalls nicht mehr erleben........ Das einzig Gute war, nicht allzu viele Zuhörer waren da...........


Entstehende Ähnlichkeiten lebender Personen mit Personen aus dieser Geschichte sind zufällig.......